Die Sage vom Hookemann – ein vergessener Wassergeist erwacht

Die älteren Kinder – also jene „ab 50 aufwärts“ – erinnern sich vielleicht noch an die mahnenden Worte ihrer Mütter:

„Geht nät so noh an da Necka ran, sunscht holt eich da Hookemann!“

So warnte man früher die Kinder eindringlich vor dem Fluss. Ob aus Sorge, Aberglauben oder zur Erziehung – geholfen hat’s meist wenig. Denn der Reiz des Wassers war groß. Und der Hookemann? Der blieb im Hinterkopf – irgendwo zwischen Schaudern und Faszination.

Die alte Sage vom Hookemann (Hooke – kurpfälzisch für Haken) ist heute kaum noch bekannt – allenfalls ein paar Neckartal-Dörfler erinnern sich daran. Genau deshalb möchten wir diesen geheimnisvollen Wassergeist wieder sichtbar machen – mit dem modernen Grafitti und der alten Geschichte, die tief mit dem Flößerleben am Neckar verwoben ist.
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Von Flößern, Wasserweibchen und dem Nöck

Einst war der Neckar die Hauptstraße der Flößer: kernige Männer, wettergegerbt, trinkfest und wortgewandt. Ihre Späße waren oft derb – besonders gegenüber Außenseitern und Eigenbrötlern. So einer war Hannes: ein mürrischer, wortkarger Einzelgänger, von den Kameraden nur geduldet.

Eines Abends, in der Flößerschenke, spottete jemand über ihn: „Du kriegscht dai Lebdag kää Fraa, wanns da net aus’m Necka angelscht!“ (Du findest in deinem Leben keine Frau – außer du angelst sie dir aus dem Neckar!)

Hannes schlug wütend seinen Krug auf den Tisch: „Ich wird’s eich schun zeichee!“ (Ich werd’s euch schon zeigen!) – rief er und verließ wütend die Schenke.

Am nächsten Morgen meldete er sich zum Bremsen. „Heit geh i uffs letschte Floß und brems!“ (Heut geh ich auf das letzte Floß zum Bremsen). Das Bremsen ist die härteste Arbeit am letzten Teil des Floßes, bei der der sogenannte „Holländerbaum“ über den Flussgrund schleifte.

Was keiner wusste: Hannes hatte einen Plan.

Das Spiel mit dem Wasser

Damals lebten noch die Wasserweibchen im Neckar – verspielte, verführerische Wesen, die singend hinter den Flößen hertrieben. Besonders eines von ihnen war frech und neckisch. Sie tauchte mal links und mal rechts neben Hannes auf, der scheinbar gelassen mit seiner langen Flößerstange mit Eisenhaken dastand.

Doch dann, im richtigen Moment, packte Hannes blitzschnell ihr langes Haar und zog sie aufs Floß!
Das jedoch gefiel ihrem Vater, dem Nöck, überhaupt nicht. Er war ein unberechenbarer Wassergeist. Zornig tauchte er auf, warf einen riesigen Felsen auf das Floß – die Stämme zerbrachen und die Wasserjungfer flüchtete in die Arme ihres Vaters.

Und Hannes?
Er war verschwunden.

Das Geheimnis bleibt im Fluss

Die Flößer suchten ihn, riefen, durchkämmten das Ufer – vergeblich. Niemand hat Hannes gesehen. Traurig setzten sie ihre Fahrt fort. Das hatten sie nicht gewollt.
Bis eines Tages, bei dunstigem Wetter, ein seltsamer Mann im Schilf stand – mit grünem Haar, wirrem Bart und einem Flößerhaken in der Hand. Es war Hannes – verändert, fremd, unheimlich. Er lachte, schlug nach einem riesigen Fisch, der zappelnd an seinem Flößerhaken hing – dann tauchte er mit seiner Beute in die Tiefe.

Von da an nannte man ihn den „Hookemann“.

Der Hookemann heute

Er wurde nicht mehr verspottet, sondern gefürchtet. Ein Wassergeist, der nachts und bei trübem Wetter über den Fluss streicht, Flöße oder Boote aus dem Gleichgewicht bringt und sich an Spöttern rächt.
Die Wasserweibchen und der Nöck sind verschwunden – doch der Hookemann soll sich ab und an noch blicken lassen…

Wer genau hinsieht – sieht ihn vielleicht.

Text nach „Hookemann und Hexentritt – Sagen der Kurpflalz – Herausgegeben von Paul Schick und Rudolf Lehr“